Ohne Erdgas keine Dekarbonisierung

Herr Kehler

Dr. Timm Kehler, Vorstand der Initiative Zukunft ERDGAS e. V. über die Dekarbonisierungsdebatte in Deutschland, den Klimaschutzplan der Bundesregierung und die Ansätze der Erdgaswirtschaft für eine nachhaltige Energieversorgung.

Spätestens seit der Klimakonferenz in Paris spricht die ganze Welt über Dekarbonisierung. Wie bewerten Sie diesen Begriff?
Timm Kehler: Natürlich positiv. Dekarbonisierung bedeutet ja im Grunde nichts anderes als Klimaschutz. Die spannende Frage ist nun, wie es uns gelingt, möglichst rasch und effizient klimaschädliches CO2 einzusparen. Denn das Absurde ist doch: Anstatt zu sinken, ist der CO2-Ausstoß hierzulande im letzten Jahr um sechs Millionen Tonnen gestiegen. Geht es so weiter, wird Deutschland sein Ziele komplett verfehlen und nicht in der Lage sein, bis 2020 den Treibhausgas-Ausstoß um 40 Prozent zu reduzieren. Wir müssen daher besonders in den Bereichen, in denen aktuell besonders viel CO2 entsteht, dringend etwas tun. Und das geht nur zusammen mit Erdgas.

Erdgas als Lösung? Ist das nicht ein Widerspruch, immerhin ist Erdgas ein fossiler Energieträger...
Timm Kehler: Ich kann die Debatte um die „guten“ erneuerbaren und die „schlechten“ fossilen Energieträger nicht mehr hören. Worüber reden wir denn? Dekarbonisierung bedeutet doch nichts anderes, als möglichst schnell, möglichst viel und möglichst kostengünstig CO2 einzusparen. Und genau dafür steht Erdgas. Nehmen wir beispielsweise den Wärmemarkt. Fast 90 Prozent des Energieverbrauchs eines privaten Haushalts in Deutschland werden für Heizung und Warmwasser verwendet. Wer also wirklich klimaschädliches CO2 einsparen will, darf nicht nur auf die Energiesparlampe schauen - er muss eine Etage tiefer im Heizungskeller anfangen. Mit einer modernen Erdgas-Brennwertheizung kann der Treibhausgas-Ausstoß im Vergleich zu einer alten Anlage nahezu halbiert werden – und das zu einem bezahlbaren Preis. Das ist, wenn Sie so wollen, praktisch angewendete Dekarbonisierung. Hochgerechnet auf alle Heizungen in Deutschland ergibt das ein enormes Einsparpotenzial. Nur mit Erdgas erzielen wir beim Klimaschutz schnelle Fortschritte.

 

„Dekarbonisierung bedeutet doch nichts anderes, als möglichst schnell, möglichst viel und möglichst kostengünstig CO2 einzusparen. Und genau dafür steht Erdgas.“

 

Warum gerade dieser Fokus auf Erdgas? Was macht den Energieträger weltweit so beliebt?
Timm Kehler: Es gibt natürlich viele Gründe, die Erdgas zu einem weltweit beliebten Energieträger machen, allen voran Wirtschaftlichkeit, Umwelt und Technologie. Aber auch der Punkt Klimaeffizienz: Wenn wir über Klimaschutz reden, müssen wir auch über Bezahlbarkeit reden. Und pro eingesetztem Euro spart Erdgas so viel CO2 ein wie kein anderer Energieträger. Ein weiterer Punkt: Erdgas ist immer verfügbar – auch wenn der Wind mal nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Allein das deutsche Gasnetz hat eine Länge von 505 000 Kilometern. Außerdem ist Erdgas eine sektorübergreifende Lösung: Ob für die emissionsarme Stromerzeugung, als Kraftstoff für klimafreundliche Erdgasfahrzeuge oder als Energielieferant für innovative Heizungsanlagen, wie beispielsweise die Brennstoffzellenheizung. Auch im Zusammenspiel mit den erneuerbaren Energien wird Erdgas zum unverzichtbaren Partner, wie das Beispiel Power-to-Gas zeigt: Überschüssiger, regenerativ erzeugter Strom wird in Wasserstoff umgewandelt und dank des gut ausgebauten Gasnetzes gespeichert. So ist Erdgas erneuerbar. Länder wie China, Japan oder die USA haben dieses Potenzial längst erkannt und planen ihre CO2-freundliche Energiezukunft fest mit Erdgas.

 

„Anstatt den Verzicht von fossilen Energieträgern zu fokussieren, sollte die Bundesregierung dringend das CO2-Einsparpotenzial als Leitgröße definieren.“

 

Als Antwort auf Paris arbeitet die Bundesregierung gerade an einem Klimaschutzplan 2050. Der Stromerzeugung kommt darin eine Schlüsselstellung in der Energiewende und der Dekarbonisierung der Sektoren Verkehr und Wärmemarkt zu. Keine guten Aussichten für Erdgas, oder?
Timm Kehler: Sollten die Vorschläge der Bundesregierung – und bislang sind es nur Vorschläge – tatsächlich umgesetzt werden, käme das energiepolitischem Wahnsinn gleich. Experten haben ausgerechnet, dass uns bis 2050 rund 120 Millionen Tonnen CO2-Einsparung fehlen. Die Stromwende allein wird diese Lücke nicht schließen können. Dann muss man die großen Brocken anpacken, wo wir bislang wenig erreicht haben: Den Wärmemarkt und den LKW-Verkehr. Anstatt den Verzicht von fossilen Energieträgern zu fokussieren, sollte die Bundesregierung dringend das CO2-Einsparpotenzial als Leitgröße definieren. Dann rücken die richtigen Maßnahmen in den Fokus: Hocheffiziente Brennstoffzellen, die mit Erdgas maximale Effizienz mit minimalen Betriebskosten kombinieren. Oder erneuerbare Gase. Wenn wir aus vorhandenem Ökostrom, den wir ohnehin nicht speichern können, erneuerbares Erdgas machen, dann ist das eine gute Sache. Auch Bio-Methan, aktuell politisch sehr zu Unrecht in Verruf geraten, wird ein wichtiger Mosaikstein der zukünftigen Energiewelt sein. Und schließlich: LNG für den Schwerlastverkehr. Wir müssen den schmutzigen Diesel von der Straße bekommen und durch eine saubere Lösung ersetzen. Die Leute werden nicht aufhören, bei Amazon und Zalando zu bestellen. Der Verkehr wird also eher zu- als abnehmen. Umso wichtiger, ihn klimaschonend zu organisieren.

Immer wieder wird das dänische Energiesystem u.a. mit seiner Elektrifizierung der Wärmeversorgung als Vorbild genannt. Ist das Modell bei uns überhaupt umsetzbar?
Timm Kehler: Die Frage ist doch viel mehr: Was würde uns das bringen? Denn für den Mehrbedarf an Strom würden wir alle einen hohen Preis bezahlen. Und das in vielerlei Hinsicht. Schon heute ist das bundesdeutsche Stromleitungsnetz an seiner Kapazitätsgrenze. Im windstarken Norden wird beispielsweise viel mehr Energie produziert, als tatsächlich in den Süden Deutschlands transportiert werden kann. Jetzt können Sie sich ausmalen, was eine steigende Elektrifizierung des Energiemarktes hierzulande bedeuten würde: Sie müssten zig Milliarden Euro in den Ausbau des Leitungsnetzes investieren – das macht die Energie für alle teurer und sorgt in den Regionen, in denen meterhohe Strommasten gebaut werden, auch noch für berechtigten Ärger. Ein weiterer Punkt: die Versorgungssicherheit. Wind und Sonne sind nun einmal keine zuverlässigen Stromlieferanten. Fatal, wenn im Winter die Heizungen elektrisch betrieben werden und dann plötzlich der Strom ausfällt. Und Kohlekraftwerke als „Notstrom-Produzenten“ haben mit Klimaschutz gar nichts mehr zu tun. Darum ist die Kombination aus erneuerbaren Energien und Erdgas, mit einem bereits bestens ausgebauten Leitungsnetz, sinnvoll.

Ihre abschließende Meinung: Erneuerbarer Strom oder erneuerbare Gase – wer sichert 2030 die innerstädtische Wärmeversorgung?
Timm Kehler: Ich glaube nicht an ein „entweder oder“ sondern vielmehr an eine sinnvolle Kombination aus beidem. Wie gut das heute schon technisch funktioniert, beweisen ja Lösungen wie die Brennstoffzelle oder die Mikro-KWK. Überschüssiger EE-Strom wird in erneuerbares Gas umgewandelt und sorgt in den privaten Haushalten für wohlige, CO2-arme Wärme – und das auch noch besonders wirtschaftlich und dezentral. Ich bin mir sicher: dieser Mix bleibt auch über das Jahr 2030 hinaus für die Verbraucherinnen und Verbraucher besonders attraktiv.  


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