In Leuna läuft alles rund

In diesem Jahr feiert der größte Chemiepark Deutschlands in Leuna in Sachsen-Anhalt sein 100-jähriges Bestehen. medium gas hat mit Dr. Christof Günther, Geschäftsführer der InfraLeuna GmbH, über das Jubiläum, die Modernisierung des Energiemanagements, den Einsatz von Erdgas und die Energieperspektiven für die Zukunft gesprochen.

Leuna

Leuna ist seit 100 Jahren der Inbegriff deutscher Chemieindustrie. Was macht den Standort heute aus, wofür steht er?
Leuna ist einer der Spitzenstandorte der Chemie in Europa mit über 100 nationalen und internationale Unternehmen und der InfraLeuna als Betreiber. Wir haben eine moderne, leistungsfähige Infrastruktur, eine hohe Effizienz, basierend auf dem Stoffverbund am Standort, und ein flexibel steuerbares Energieversorgungssystem. All das hilft uns dabei, im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein Beweis für die ausgezeichnete Wettbewerbsposition Leunas sind übrigens auch die Investitionen von über 250 Millionen Euro, die die ansässigen Unternehmen allein im Jubiläumsjahr angeschoben haben.

Sie haben das Energiesystem angesprochen – hier wurde in den vergangenen Jahrzehnten viel investiert. 
Was haben Sie in dieser Zeit verändert, modernisiert und umgebaut?

Der Startschuss der Restrukturierung der Energieversorgung fiel vor 25 Jahren als die Braunkohle vollständig durch Erdgas abgelöst wurde. Das war ein unglaublicher Kraftakt mit hohen Investitionen. Einen weiteren fundamentalen Umbau haben wir dann vor rund drei Jahren mit dem Energiekonzept „ProEnergie2014+“ gestartet. Wir haben die Prozessdampf-ströme neu geordnet und dabei erhebliche Zusatzmengen Abhitzedampf über je ein neues Mittel- und Hochdruck-dampfversorgungssystem nutzbar gemacht. Zugleich haben wir unsere Kraftwerke umgebaut und flexibilisiert. Um die so erreichte Anpassungsfähigkeit an Volatilitäten des Netzes und der Märkte beneiden uns viele Kollegen an anderen Standorten.

Im Chemiepark ist Erdgas ein wichtiger Rohstoff, u. a. für die Erzeugung technischer Gase. Was tun Sie für die Versorgungssicherheit – auch gemeinsam mit ihrem Erdgaslieferanten?
Erdgas ist für uns in der Tat ein unverzichtbarer Energieträger und Rohstoff. Lieferunterbrechungen hätten flächendeckende Produktionsausfälle und große wirtschaftliche Schäden zur Folge, deshalb brauchen unsere Chemieunternehmen für alle Medien und Infra-strukturleistungen eine extrem hohe Versorgungssicherheit. Die Infrastrukturen der InfraLeuna sind auf diese hohen Ansprüche der Chemie zugeschnitten. Die Sicherheit der Erdgaslieferungen können wir nicht aktiv beeinflussen, aber hier haben wir mit VNG einen zuverlässigen Partner an unserer Seite. Seit rund 40 Jahren arbeiten wir mit den Kollegen aus Leipzig zusammen und wir wurden nie im Stich gelassen.

Energiekosten sind für die chemische Industrie ein zentraler Kostenfaktor. Wie unterstützen Sie ihre Firmen am Standort dabei, diese Kosten so niedrig wie möglich zu halten?
Es stimmt, rund ein Drittel der Produktionskosten der Chemiebetriebe gehen auf das Konto von Strom und Dampf. In Einzelfällen sind es sogar über 90 Prozent. Damit sind niedrige Energiekosten und eine hohe Energieeffizienz knallharte Standortfaktoren. Wir sehen uns hier in einer besonderen Verantwortung. Zum einen müssen wir wettbewerbsfähige Konditionen gewährleisten und unsere Kunden auf dem Weg durch den „Regulierungsdschungel« unterstützen, zum anderen helfen wir aktiv beim Energiesparen und erschließen Potenziale über Unternehmensgrenzen hinweg. Das haben wir beispielsweise mit dem Konzept „ProEnergie2014+« umgesetzt und dafür sogar den „Energy Efficiency Award 2015« der dena erhalten. Im Rahmen des Nationalen Aktionsplanes Energieeffizienz der Bundesregierung haben wir im April 2015 ein Energieeffizienz-Netzwerk mit 15 energieintensiven Produzenten am Standort ins Leben gerufen. Es ist nicht nur das erste Netzwerk der deutschen Chemieindustrie, sondern gehört auch zu den ersten in Deutschland überhaupt.

Mal grundsätzlich gefragt: Die Energiewende und die energieintensive Chemiebranche – passt das überhaupt zusammen?
Die Energiewende ist ein unzureichend koordiniertes, äußerst kostspieliges Experiment mit ungewissem Ausgang. Fest steht, dass die Energiewende ohne die Kompetenzen der chemischen Industrie nicht gelingen wird. Chemieprodukte werden benötigt, um Windräder, Solarpanele oder Dämmmaterialien herzustellen. Auch hilft das kontinuierliche Verbrauchsverhalten der Chemie dabei, die Netzstabilität zu sichern. Das gilt besonders hier im Osten, wo die Einspeisung von erneuerbarem Strom besonders hoch und der Strombedarf leider sehr gering ist. Wir arbeiten deshalb engagiert für ein weiteres Wachstum unserer Industrie. Damit soll durchaus auch ein steigender absoluter Stromverbrauch in unserer Region verbunden sein. Entscheidend im Hinblick auf die Klimaziele ist dabei die Energieeffizienz, sprich die Umwandlung von erneuerbarem Strom in Wasserstoff im Vordergrund. Noch ist der Prozess jedoch weit von der Wettbewerbsfähigkeit entfernt. weitere Senkung des spezifischen Stromverbrauchs. Hier haben wir seit der Privatisierung enorme Verbesserungen erreicht und den Produktoutput pro MWh in etwa vervierfacht. Der spezifische Energieverbrauch ist weiter rückläufig, Deutschlands Chemieindustrie ist hier sogar weltweit Spitzenreiter.

Welche Investitionen in die Energieversorgung planen Sie für die kommenden Jahre?
Unser Chemiestandort entwickelt sich positiv. Entsprechend bauen wir unsere Infrastrukturen aus und planen wichtige Verstärkungen unserer Stromnetze. Höchste Flexibilität ist erfolgsentscheidend für die Zukunft. Deshalb investieren wir aktuell in ein gasbefeuertes Spitzenlastkraftwerk. Damit wollen wir zusätzliche Erträge erzielen und die Versorgungssicherheit unserer Unternehmen im Strombereich weiter erhöhen. Für sie wären schon Spannungseinsenkungen im Millisekundenbereich fatal, insofern brauchen sie absolute Verlässlichkeit.

Blicken Sie eigentlich perspektivisch auf den Ersatz von Erdgas durch Bioerdgas oder Windgas?
Wir nutzen bereits heute eine geringe Menge Bioerdgas für bestimmte Anwendungen. Auf kurze und mittlere Sicht rech-nen wir aber nicht damit, dass wir die am Standort benötigten riesigen Mengen Erdgas ersetzen können. Trotzdem schauen wir uns die Entwicklungen natürlich an. Beim Thema Power-to-Gas steht für uns die Umwandlung von erneuerbarem Strom in Wasserstoff im Vordergrund. Noch ist der Prozess jedoch weit von der Wettbewerbsfähigkeit entfernt. 

Eine abschließende Frage: Im März war die Kanzlerin zum Jubiläumsbesuch bei Ihnen. Haben Sie ihr etwas mit auf den Weg gegeben?
Angela Merkel hat unseren Standort als dynamischen, modernen und leistungsfähigen Chemiepark gelobt, der mit den Verhältnissen vor der Wende nicht mehr vergleichbar ist. Über ihre Wertschätzung haben wir uns natürlich sehr gefreut. Zum Start in die nächsten 100 Jahre Chemie in Leuna sind wir hervorragend positioniert und verfolgen sehr ehrgeizige Pläne. Für die Umsetzung brauchen wir allerdings eine vernünftige und verlässliche Industrie- und Energiepolitik, die uns im weltweiten Wettbewerb nicht benachteiligt. Das haben wir bei der Kanzlerin eingefordert und dieses Bekenntnis hat sie uns auch gegeben. Vielen Dank für das Gespräch.


VNG AG und InfraLeuna GmbH

Beide Unternehmen verbindet seit vielen Jahren eine gute und enge Partnerschaft. VNG beliefert den Standort bereits seit den 1970er Jahren mit Erdgas aus der Altmark so¬wie mit hochkalorischem russischen Erdgas.

http://www.infraleuna.de


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